Zeugenschaft findet zunehmend online, vernetzt und multimedial statt. Im hier relevanten Feld bündeln sich Beiträge unter Hashtags wie #SayTheirNames oder #Migratoechter und Thumbstoppern à la „Arabische Mütter, wenn Tupperware“ (@datteltaeter).
Ausgangspunkt der Arbeit ist die Beobachtung, dass die auf Plattformen wie TikTok und Instagram zirkulierenden Formate – Stories, Reels, Stitches, Satire- oder Meinungsbeiträge – eine neue, hybride Praxis des Bezeugens (Media Witnessing) verkörpern. Zeugenschaft erscheint nicht mehr als singulärer performativer Akt einer Zeitzeugin, sondern als kontinuierlicher Prozess, in dem multiple Subjektpositionen ineinandergreifen. Sie entfaltet sich als relationale, vernetzte Praxis in einer Assemblage aus Nutzer:innen, Plattformen, Infrastrukturen und Algorithmen.
Vor diesem Hintergrund fragt das Dissertationsprojekt: Wie verändern sich im Zuge des digitalen Strukturwandels technische Voraussetzungen, Infrastrukturen und soziale Praxen des Bezeugens? Und welche Potenziale ergeben sich daraus für eine kollaborative, solidarische Praxis, die rassistische Exklusionsmechanismen bezeugt, performativ unterläuft und so die postmigrantische GesellschaftDerVielen als das sinnfällig macht, was sie ist – gelebte Realität?
Die Arbeit verortet sich an der Schnittstelle von Zeugenschaftsforschung, Kritischer Migrationsforschung, Medienwissenschaft und Digitaler Anthropologie. Sie untersucht Praxen des Bezeugens, die im Modus der Immanenz operieren: Gesellschaft bezeugt sich selbst.
Zur Person:
Marlene Hempel forscht an der Schnittstelle von Medienwissenschaft, Visueller Anthropologie und Kritischer Migrationsforschung. In ihrer akademischen Arbeit beschäftigt sie sich mit Diskursen, digitalen Öffentlichkeiten und Medienpraktiken, über die Zugehörigkeit, Teilhabe und soziale Gerechtigkeit verhandelt werden. Ihre Masterarbeit am Göttinger Institut für Kulturanthropologie bei Sabine Hess untersuchte postmigrantische Interventionen in den Diskurs der „Wiedervereinigung“ und deren Bedeutung für eine rassismuskritische Erinnerungskultur.
Marlene Hempel war als wissenschaftliche Hilfskraft im europäischen Forschungsprojekt RESPOND: Multilevel Governance of Mass Migration in Europe and Beyond tätig. Seit 2022 ist sie Redakteurin im Ressort Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Weitere berufliche Stationen umfassen redaktionelle sowie Presse- und Kommunikationsarbeit für den Mediendienst Migration, GermanDream und den Gehörlosenverein Sinneswandel.
Heute promoviert sie im Graduiertenkolleg „Techniken des Bezeugens“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Als freie Dozentin der Visuellen Anthropologie gibt sie zudem Blockseminare in Göttingen und Mainz und verbindet dabei Forschung und Lehre mit ihrer Praxis als freie Filmemacherin und Kamerafrau.
Email: mhempel@uni-mainz.de