Handlung und Wahrnehmung werden in vernetzten Infrastrukturen räumlich entgrenzt und zeitlich verdichtet – ob in telechirurgischen Systemen, algorithmischen Entscheidungsketten oder satellitengestützten Netzwerken. Doch wo Interaktionen als instantan erscheinen, wirkt Zeitlichkeit weiter: nicht als vernachlässigbare Restgröße, sondern als konstitutive Bedingung. Jede mediale Kopplung produziert notwendig zeitliche Versätze – Latenzen, Taktungen, Differenzzeiten. Diese Verzögerungen verschwinden nicht mit steigender Übertragungsgeschwindigkeit; sie verlagern sich, falten sich in die Infrastrukturen ein und werden dort zur Strukturbedingung dessen, was überhaupt wahrgenommen, bezeugt und verantwortet werden kann.
Die Dissertation untersucht Delay als eine solche material-immanente temporale Faltung: als Differenzzeit, in der technische, leibliche und epistemische Praktiken asynchron koordiniert werden. Sie fragt, ob, wo und wie Delay in verteilten soziotechnischen Gefügen – in denen Menschen, Maschinen, Daten und Infrastrukturen wechselwirken – in Erscheinung tritt, wie es Wahrnehmung und Affekt strukturiert und unter welchen Bedingungen es Zeugenschaft ermöglicht oder unterbricht. Dabei wird Bezeugen nicht als punktueller Akt, sondern als relational verteilte Praxis begriffen, in der Verantwortung und Handlungsmacht zwischen Akteur:innen, Apparaturen und Infrastrukturen zirkulieren. Theoretisch verortet sich das Projekt an der Schnittstelle von Medienkulturwissenschaft, Kulturanthropologie, Praxeologie und Post-Phänomenologie.
Zur Person:
Juliane Ahn ist interdisziplinäre Design- und Medienforscherin mit Schwerpunkt auf komplexen Mensch-Maschine-Interaktionen und deren medienphilosophischen Implikationen. Ihre Forschung verbindet Perspektiven aus STS, Kulturanthropologie, Medienphilosophie und Raumtheorie mit designethnografischer Feldforschung.
Seit April 2026 ist sie Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im GRK 3064 „Techniken des Bezeugens“ an der JGU Mainz. Zuvor war sie von 2023 bis 2026 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universität Wuppertal, wo sie Interface- und Interactiondesign im Teilstudiengang Design interaktiver Medien lehrte. Von 2022 bis 2023 leitete sie gemeinsam mit Mediziner:innen das interdisziplinäre Feldforschungsprojekt Robotic Operations – Mensch und Maschine im chirurgischen Verbund und untersuchte dort in teilnehmender Beobachtung die Wahrnehmungs- und Handlungsmodalitäten roboter-assistierter telechirurgischer Operationen. Aus diesem Projekt ging ihre erste Publikation hervor: Beyond Boundaries (TETI Journal, 2024), eine phänomenologische Untersuchung der Exteriorisierung der chirurgischen Geste in teleoperativen Systemen.
Ihren Master schloss sie 2022 an der Köln International School of Design mit der Arbeit A City on Demand ab, in der sie die algorithmische Transformation urbaner Räume durch Plattformökonomien analysierte. Ihre Bachelorarbeit entstand in Kooperation mit der Uniklinik Köln und zeigte anhand von Bild- und Videoanalysen, welche Translations- und Transformationsprozesse dem Zugriff auf – und Eingriff in – den menschlichen Körper in minimalinvasiven roboter-assistierten Teleoperationen zugrunde liegen.
Website: www.juliahn.de
Email: ahn@uni-mainz.de